Rezension zu „Die Allee der verbotenen Fragen“ von Antonia Michaelis

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Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Knaur HC (1. April 2016)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3426653869
Preis: 19,99 €
auch als E-Book erhältlich

Auf den ersten Blick eine abstruse Geschichte mit Huhn – zwischen den Zeilen so viel mehr

Inhalt:
Johann Fin Paul Smith hat gerade die Schule abgeschlossen. Nun will er eine Europareise machen. Sein erstes Ziel ist das Dörfchen Wieck in der Nähe von Greifswald, wo er die ersten Lebensjahre mit seiner Familie verbracht hat, bevor sie nach England zogen. Er staunt nicht schlecht, als er auf dem örtlichen Friedhof ein Grab mit seinem Namen und seinem Geburtsdatum findet. Dann drückt ihm auch noch der Pfarrer einen Koffer mit Erinnerungsstücken in die Hand. Johann macht sich auf eine gefährliche Schnitzeljagd quer durch Deutschland.

Die Mittdreißigerin Akelei Elena Schulze führt ein langweiliges Leben. Ihr Dasein dreht sich im Großen und Ganzen um Tischdecken, die Auswahl von Übertöpfen und das wöchentliche Zubereiten eines Huhns in Rotweinsauce. Ihr ganzes Leben wird auf den Kopf gestellt, als sich im Schaufenster, das sie gerade betrachtet, ihre Jugendliebe spiegelt. Doch das kann nicht sein! Der Mann sieht noch genau so aus wie vor achtzehn Jahren, kein bisschen älter. Ein Trugbild? Akelei beschließt, ihm zu folgen und mehr über ihn herauszubekommen.

Meine Meinung:
Wer die Bücher von Antonia Michaelis kennt, weiß, dass sie gerne mit den Realitäten spielt. Sie liebt es, den Leser an der Nase herumzuführen, ihn lange Zeit im Unklaren zu lassen, was Wirklichkeit und was Einbildung ist, was Gegenwart und was Erinnerung, was ist und was sein könnte. Auch in „Die Allee der verbotenen Fragen“ treibt sie dieses Spiel wieder meisterhaft. Lange Zeit tappt man im Dunkeln darüber, was hier los ist, wie das alles sein kann, ob das überhaupt sein kann. Ich liebe das ja, aber ich kann auch verstehen, wenn es vielleicht manchem Leser zu viel ist, zu surreal. Es schien mir, als gäbe es tausend Knoten in dieser verworrenen Geschichte. Unglaublich, aber am Ende sind sie alle gelöst.

Wie immer erfreut Antonia Michaelis auch in ihrem neuesten Werk mit einem wunderbar poetischen Schreibstil, der angefüllt ist mit treffenden Metaphern.

Er sah aus, als hätte jemand ihn hergebracht und dann vergessen. Sein Rücken war tief gebeugt, vor ihm stand eine leere Kaffeetasse, und daneben hatte er seine mageren, sehnigen Finger abgelegt wie fremde Gegenstände. (S. 191)

Die Erzählung wechselt ständig zwischen zwei Perspektiven. Einmal begleiten wir Johann, dann wieder Akelei. So kann man sich in beide Protagonisten sehr gut einfühlen. Dabei werden von beiden Seiten immer mehr kleine Puzzlestückchen offengelegt, die sich schließlich zu einem ganzen, runden Bild zusammenfügen.

Johann wirkt, obwohl nur halb so alt wie Akelei, wesentlich gefestigter. Zwar ist er noch auf der Suche nach seiner Zukunft, aber er hat eine Basis, auf der aufbauen kann: seine Eltern und seine zwei jüngeren Geschwister.

Akelei dagegen wirkt seltsam verloren. Sie lebt vor sich hin, versieht ihren Haushalt sorgfältig, aber ohne Leidenschaft. Mit Akelei erinnern wir uns an die Zeit in der DDR vor der Wende. In dieser Zeit wuchs sie wohlbehütet in der Kastanienallee auf. Punktgenau werden die Geheimnisse hinter der Fassade auseinandergenommen, die ihr damaliges Leben bestimmten.

Beginnt der Roman einfach nur mysteriös und seltsam, wird es schon bald richtig spannend. Nicht nur, weil man unbedingt herausfinden möchte, was hinter den ganzen Ungereimtheiten steckt, sondern auch weil es für die Protagonisten gefährlich wird. Dies erinnert schon fast an einen Kriminalroman. Aber auch die Liebe kommt nicht zu kurz, mit großen Gefühlen, mit Höhen und Tiefen. Auch an Humor hat die Autorin nicht gespart. Manche Szenen sind so witzig, wozu vor allem das Huhn beiträgt, das mit Akelei reist. Seine „Kommentare“ sind einfach herrlich: „Boook?“

Fazit:
Wer Antonia Michaelis mag, wird auch dieses Buch lieben. Selbstfindung, Liebe, Krimi, Humor – alles ist darin enthalten und verspricht unterhaltsame, aber auch spannende und zum Nachdenken anregende Lesestunden. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung für diesen besonderen Roman mit Huhn.

★★★★★

Mein Dank gilt dem Knaur Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars für eine Leserunde auf Literaturschock.de.

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4 Gedanken zu “Rezension zu „Die Allee der verbotenen Fragen“ von Antonia Michaelis

  1. Ich habe all ihre Bücher verschlungen. Auch das Institut der letzten Wünsche hat mir gut gefallen, obwohl es so anders war als ihre Jugendbücher. Ich bin gespannt auf die Allee der verbotenen Fragen. Danke für diese gelungene Rezension!

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