Rezension zu „Sommerreigen“ von Kristín Marja Baldursdóttir

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Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: FISCHER Krüger; Auflage: 1 (20. August 2015)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3810504579
Originaltitel: Kantata
Preis: 18,99 €

Eine (allzu) komplexe Familiengeschichte

Kristín Marja Baldursdóttir lässt uns mit ihrem Roman am Leben einer isländischen Familie teilhaben. Ich muss zugeben, dass ich über weite Strecken große Probleme mit der Zuordnung der vielen Personen hatte. Hier ist praktisch jeder mit jedem verwandt, und die Beziehungen sind nicht ganz einfach. Es gibt Halbbrüder, Stiefbrüder, Onkel, Schwager, Adoptivkinder, Cousins usw. Manche davon bleiben im Verlauf des Romans recht blass und unscheinbar, was ihre Einordnung noch erschwert.

Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven, die sehr häufig und unvermittelt wechseln. Es wird praktisch jedes Mitglied dieser Großfamilie durch einen personalen Erzähler dargestellt. Daneben kommen auch noch LKW-Fahrer, Klavierlehrerin, Schneiderin und andere in der 1. Person zu Wort.

Während die Haupterzählung im Präsens erzählt wird, gibt es auch kurze Abschnitte im Präteritum. Dies geht alles nahtlos ineinander über und erfordert eine große Portion Konzentration beim Lesen, um die jeweilige Aussage richtig einordnen zu können.

Die Handlung konnte mich leider auch nicht hundertprozentig überzeugen. Denn es geschieht nicht wirklich viel. Stattdessen sind die Kapitel angefüllt mit Gedanken über Ängste, Unzufriedenheit, verschmähte Gefühle oder auch mal Zuversicht. Um die Charaktere zu beschreiben, hat die Autorin sehr viele alltägliche Situationen beschrieben. Allerdings fand ich das nicht besonders aufregend und spannend.

Sie erkundigen sich beim anderen, was es Neues gebe, und Ingdís erzählt, sie sei gerade in der Nähe in einem Laden gewesen und habe auf einmal Riesenlust auf einen Kaffee gehabt, woraufhin Dúi erklärt, er wolle noch einen Kaffee trinken, bevor er zur Arbeit müsse. Er sei auch shoppen gewesen, eine Angelrute und so. (S. 156)

Leider gibt es auch nur sehr wenige Dialoge, die das Ganze etwas lebendiger hätten erscheinen lassen. Und wenn es mal tatsächlich wörtliche Rede gibt, dann ist sie nicht durch Anführungszeichen gekennzeichnet. Das wird ja immer moderner und scheint für viele Autoren eine Möglichkeit zu sein, sich als fortschrittlich zu präsentieren.

Es gibt zuweilen aber auch ein paar wunderschöne poetische Formulierungen.

Er sieht, wie sich der Fluss hinunter zur Schlucht und durch sie hindurch windet, wie das kristallklare Wasser über die Steine tost, wie es rechts und links leicht gegen die Uferfelsen spritzt, als wolle es sie necken, diese Riesen, die nicht von der Stelle kommen, wie der Fluss reißend und unbeirrt durch die Schlucht rast, nahezu begierig, als erwarte er etwas Aufregendes, wenn sich das Wasser zusammenpressen muss, er sieht den Übermut, mit dem es aus dem Engpass schießt. (S. 241)

Nachdem ich mich von Zeit zu Zeit etwas gelangweilt und durch die Seiten gequält hatte, wurde das Buch 15 Seiten vor Schluss noch richtig spannend und dramatisch – um mich dann mit einem relativ offenen Ende sitzenzulassen.

„Sommerreigen“ ist entgegen dem sommerlich-leichten Cover ein eher düsterer Roman, der mir zum einen beim Personal viel zu komplex war, zum anderen bei den einzelnen Themen und Gedanken, die angeschnitten wurden, zu oberflächlich, um mich wirklich begeistern zu können. Nichtsdestotrotz wird sicher der ein oder andere Leser dem Buch etwas Gutes abgewinnen können.

★★★☆☆

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